August 2007

Mit Beginn des Jahres 2007 war es endlich soweit: unser Projekt sollte von der Planungsphase in die praktische Umsetzung übergehen.
Doch zunächst ein kurzer Rückblick:
In langen, diskussionsreichen Nächten erstellten wir ein weit in die Zukunft reichendes Businesskonzept für unseren Weinbaubetrieb.
2006 hatten wir in Ortahisar ein besonders schönes, traditionelles Höhlenhaus gefunden welches sich sowohl für den Bau einer Kellerei als auch als Wohn – und Gästehaus anbietet

Zudem hatten wir zwei, unserer Meinung nach hervorragend geeignete, Rebparzellen von insgesamt 70 Aren Grösse gekauft, gerodet, gepflügt und für die Pflanzung vorbereitet.
Bei den zuständigen kommunalen Behörden war eine Bewilligung zur Brunnenbohrung eingeholt worden und einheimische Wünschelrutengänger hatten eine Stelle in unseren zukünftigen Rebgärten ausgemacht, wo in einer geschätzten Tiefe von 100 Metern Wasser vermutet werden durfte.
Anfang Jahr wurden bei verschieden Rebschulen unsere Rebsetzlinge bestellt.
Alles war in unseren Augen hinreichend vorbereitet und wir konnten das Frühjahr kaum erwarten.

Anfang Mai reisten wir für 3 Wochen in die Türkei. Eine knappe Zeit für all die Pläne, die wir verwirklichen wollten.
Die klimatischen Bedingungen waren perfekt - das heisst im Winter war genügend Schnee gefallen und die Frühjahrsniederschläge fielen reichlich aus.
Optimale Bedingungen, um unsere Rebsetzlinge mit Unterstützung von einheimischen Helfern zu pflanzen.

Wir setzten 12 verschiedene Sorten, jede in einer genügend grossen Anzahl, um sie in einigen Jahren separat keltern und in ausreichender Menge vegetativ vermehren zu können.
Wir beauftragten einen lokalen Spezialisten mit der Brunnenbohrung an der vorbestimmten Stelle und in 118 Metern Tiefe fand sich tatsächlich eine Kaverne mit genügend Wasser für die Bedürfnisse unserer Jungreben!

Eine Förderpumpe wurde montiert, Schläuche zur Bewässerung organisiert und ein leistungsstarker Diesel – Generator angeschafft, welcher die Pumpe antreibt und der uns später auch im Weinkeller gute Dienste leisten wird.
Die Erleichterung war gross, als die Pumpe erstmals in Betrieb genommen wurde und das Wasser hervorsprudelte! Ob die Menge auch in den trockenen Sommermonaten ausreichen würde, musste sich selbstverständlich erst weisen.

Wie vorgesehen, konnten wir am Ende unseres Aufenthaltes noch eine dritte Parzelle von 30 Aren Grösse in unmittelbarer Nachbarschaft zu unseren bestehenden Rebgärten dazukaufen.

Als wir nach 3 Wochen wieder in die Schweiz zurückreisten, waren 2500 Reben und ebenso viele Stickel gesetzt. (Etwas weniger als projektiert, weil trotz schriftlicher Bestätigung der Rebschulen leider nicht alle bestellten Rebsetzlinge rechtzeitig geliefert wurden.)
Unsere lokalen Helfer wurden instruiert, wie die Reben während unserer Abwesenheit gepflegt und bewässert werden sollten.

Als wir Anfangs Juli wieder in die Türkei zurückkehrten, bot sich uns ein erfreuliches Bild: 98% der Pflanzen waren wunschgemäss ausgetrieben und gediehen prächtig! Alle aufgetragenen Arbeiten waren von unserem Rebteam sorgfältig erledigt worden und auch die Kapazität unseres Brunnens erwies sich als ausreichend. Und das im trockensten Sommer der Türkei seit 70 Jahren!

Es wurde in zweiwöchigen Abständen insgesamt 4x bewässert, es wurde Unkraut gejätet und gehackt, die jungen Triebe erlesen und angebunden und die oberste Bodenschicht mit einer Motorhacke aufgelockert.
Nun, Ende August, sind die Jungreben kräftig und gesund.
Die Voraussetzungen sind optimal, dass unsere Reben den für alle jungen Kulturpflanzen kritischen ersten Winter schadlos überstehen werden.

April 2008

So perfekt, wie unsere türkischen Helfer Ende November letzten Jahres unsere Jungreben an den frostempfindlichen Stellen mit Erde bedeckt hatten, war das Überstehen des ungewöhnlich kalten Winters kein Problem.

Als wir Ende Januar selber wieder in Ortahisar waren, schneite es uns tagelang ein. Selbst zu unserem Haus zu kommen, war nicht einfach. Durch knietiefen Schnee arbeiteten wir uns dennoch durch.....

Gut, waren wir entsprechend ausgerüstet und konnten uns nach dem nasskalten Ausflug bei unseren Freunden vor dem bollernden Ofen wieder aufwärmen.

Inzwischen ist der Schnee längst geschmolzen und der Frühling zieht ins Land. Wie wir telefonisch erfuhren, hat es viel geregnet, was für den Boden und somit später auch für die Reben optimal ist.

In der nächsten Zeit werden die Reben wieder ausgegraben und auf zwei Augen zurückgeschnitten, damit sie schön kräftig austreiben können.

Ab Anfang Mai wird dann Philipp vor Ort sein, um weitere Reben zu setzen und freudigst zu verfolgen, wie unsere Pflänzlein austreiben.

Das ist natürlich noch nicht alles: diesen Sommer soll auch die Anlage zur Unterstützung der Reben gebaut werden. Auch darum wird Philipp bis Anfang Juli in Kappadokien bleiben.

Es gibt also viel zu tun, wir freuen uns und lassen bald wieder von uns hören!

Die handbetriebene Abbeermaschine brachte dann ans Licht, wer seinen Körper über den Sommer gestählt hatte, wer in Form war und wer nicht.
Die Maischen gärten problemlos und rochen hervorragend, auch wenn es anstatt der im Sommer geschätzten 2000kg schlussendlich nur 700 kg rote Trauben gab.

Kaum war die Gärung beendet, musste Philipp wieder zum Schaffen in die Schweiz; dafür konnte sich jetzt Ines
von ihrer Arbeit loseisen und am 3. November nach Kappadokien reisen. Fliegender Wechsel sozusagen.

Mit Hilfe von Uygar, unserem „Lehrling“, wurden die Maischen auf der Hydropresse abgepresst und der Jungwein nach einigen Tagen in die Barriques gefüllt, wo sie nun im Säureabbau sind.
Wir sind erleichtert und begeistert, dass nach vier Jahren Blut, Schweiss und Tränen im Weinberg endlich unser erster Rotwein im Fass reift und sind gespannt, wie er sich im Frühjahr präsentieren wird.

Es ist ein Spagat, quasi zeitgleich in der Schweiz und in der 3000 km entfernten Türkei Wein machen zu wollen. Wir bangten, ob es uns wohl gelänge, dieses Jahr beides unter einen Hut zu bringen. Es gelang!
Die frühe Traubenlese in der Schweiz machte es Philipp möglich, bereits am 19. Oktober in Kappadokien zu sein.

Keinen Tag zu früh, präsentierten sich unsere Syrah doch eher schon in der getrockneten Amarone-
tauglichen Form mit einem Zuckergehalt von unglaublichen 119 Oechsle! Ein bisschen viel des Guten...

Die Organisation der Ernte gestaltete sich viel unproblematischer als gedacht: Freunde aus Izmir und der Schweiz halfen bei der Wümmet tatkräftig mit, und den Transport der Trauben vom Weinberg in den Keller übernahm unser geschätzter Dorfmetzger Ahmet mit seinem Viehtransporter.

Dezember 2009

„Kein Problem, zwei Wochen nach Eingang Ihrer Zahlung stehen die Tanks bei Ihnen in Ortahisar“ –
so versicherte uns der türkische Verkäufer unserer italienischen Weintanks Ende August.

Sechs Wochen und viele Telefonate, Missverständnisse, Sprach- und technische Probleme später, es war schon Mitte Oktober, erreichte die bestellte Ware zu unserer grossen Erleichterung kurz vor Erntebeginn doch noch ihren Bestimmungsort.

Wenn Mitteleuropäer bei Süditalienern über türkische Zwischenhändler eine Kellereinrichtung bestellen, dann klappt es – allen Unkenrufen zum Trotz – doch ganz vorzüglich... Dass die Ausgänge der Weintanks, die Klappventil-Hähne, dann schlussendlich doch nicht denen entsprachen, die wir bestellt hatten, entlockte uns nur noch einen fatalistischen Seufzer.

Abbeermaschine und Presse sowie Barriques und Kleinteile wie Schläuche, Kübel, Messgeräte hatten
uns im Laufe des Jahres bereits Freunde auf Weltreise ins Land gebracht. Danke!

Ganz zögerlich begann Anfang Juni die Temperatur zu steigen und endlich holten auch die Rebschosse im Wachstum auf. Um den 22. Juni begann die Blüte, welche innerhalb weniger Tage bei allen Sorten abgeschlossen war. Wir entschieden uns, bereits kurz nach der Blüte zwei Drittel der Trauben wegzuschneiden um die Reben im ersten Ertragsjahr keinesfalls einer Überbelastung auszusetzen. Wir hoffen etwa 2000 kg Trauben in diesem Herbst ernten zu können und sind ein wenig optimistisch, dass es eine gute Qualität geben könnte.

März bis Juli 2009

Einer der Gründe, im Hochland Anatoliens auf 1300 m.ü.M Weinbau betreiben zu wollen, sind die klimatischen Bedingungen. Grosse Temperaturschwankungen für die Aromenbildung, Niederschläge im Frühjahr zur rechten Zeit fürs Wachstum der Reben, Sonne und Hitze im Überfluss im Sommer für die Reifung der Trauben und milde Trockenheit, welche die Fäulnisbildung auf den Beeren zur Ernte im Herbst verhindert.
Perfekte Bedingungen in der Theorie und in unseren Vorstellungen sowieso.

Als wir Ende März für 10 Tage nach Kappadokien reisten um die Winterarbeiten – schneiden, anbinden – auszuführen, hatten wir natürlich bereits vernommen, dass die vergangenen Monate ungewöhnlich mild und niederschlagsreich waren. Die Zeit war knapp bemessen, aber wir waren sicher, die Arbeit war zu schaffen. Am 6. Tag, mehr als die Hälfte der Reben war geschnitten, setzte Schneefall ein, so heftig, dass an ein Weiterarbeiten nicht zu denken war. Es blieb keine Wahl, ich musste meinen Aufenthalt um einige Tage verlängern. Trotz des kleinen Wetterunbills war der Zustand unserer Reben fürs erste Ertragsjahr sehr erfreulich.

Anfang Mai kehrte ich für 2 Monate nach Kappadokien zurück. 800 neue Reben waren zu pflanzen, 600 Stützpfähle in den Boden zu rammen, mehrere Kilometer Draht zu ziehen und nicht zuletzt die Arbeiten an unseren jungen Ertragsreben waren zu machen.

Die ersten 14 Tage regnete es ohne Unterlass, gut für die neu gepflanzten Reben, mühsam für uns. Als die Niederschläge Mitte Mai endlich nachliessen, blieb es für die Jahreszeit deutlich zu kühl. In der Nacht vom 20. Mai gab es sogar leichten Bodenfrost. An den Reben entstand glücklicherweise kein Schaden, aber der Winzer hatte ein paar graue Haare mehr. Die Reben entwickelten sich nicht schlecht, aber sie wuchsen wegen der tiefen Temperaturen so langsam wie ich es in 20 Berufsjahren noch nie gesehen habe. 

Dezember 2008

Am 23. April nahm ich die 4000 km weite Reise mit zwei Reisegefährten unter die Räder. Nach knapp 10 Tagen gemächlicher Fahrt kamen wir wohlbehalten und guter Dinge in Kappadokien an.

Es war, obwohl schon Anfang Mai, noch erstaunlich kühl im Hochland Anatoliens.

Der vergangene Winter war der kälteste der letzten 20 Jahre. Ob unsere einjährigen Reben wohl Temperaturen von minus 20 Grad Celsius überstanden hatten?

Am 2. Mai stand ich zum erstenmal wieder in unserem Weinberg. Der Boden war perfekt gepflügt worden und nach eingehender Zählung und Beurteilung der Jungreben kam ich zum Schluss, dass bis auf 2 Reben alle übrigen den Winter schadlos überstanden hatten. Was für eine Erleichterung!

Mit vollem Elan begannen wir schon am folgenden Tag Rheinriesling und Emir auf die Parzelle Gemil 3 und Petit Verdot auf Gemil 1 zu setzen.

Auch unser Brunnen funktionierte noch immer einwandfrei; da es aber noch immer ungewöhnlich kühl und regnerisch war, war ein Einwässern der Setzlinge nicht nötig. Allerdings verlangsamte sich deshalb auch der Austrieb der zweijährigen Reben. Ein langsamer Austrieb bedeutet oftmals Gefahr durch Saugmilben, weil die Rebschosse den Schädlingen nicht schnell genug davon wachsen können. Einzelne Spinnmilbenbefallsherde waren jedenfalls bereits auszumachen und ich hoffte auf einen raschen Temperaturanstieg. Ansonsten würde ich mit einem Akarizid (Milbengift) eingreifen müssen.

Die Temperaturen blieben in den folgenden Wochen viel zu tief für die Jahreszeit und ich eliminierte ganz contrecoeur die immer stärker zunehmende Saugmilbenpopulation mit einer Spritzung. Ich nahm mir vor, mich für die kommenden Jahre eingehend mit anatolischen Wirtspflanzen heimischer Raubmilben zu beschäftigen, um solche Nützlinge in unseren Weinbergen anzusiedeln.

Die Reben waren fürs erste die Milben los, wuchsen aber immer noch nur zögerlich und dann passierte auch noch ein arges Missgeschick. Ein Bauer, der eine Nachbarsparzelle besitzt, spritzte bei starkem Wind ein Herbizid. Die Abdrift dieses Pflanzengifts schädigte rund ein Drittel unserer Jungreben.

Meine Moral war natürlich kurzfristig im Keller. Darum entschloss ich mich, nach Izmir an die Westküste der Türkei zu fahren, um eine Firma zu besuchen, welche Drähte, Metallpfähle und verschiedenes anderes Rebbergzubehör verkauft.

Das Angebot dieser Firma vermochte zu überzeugen und ich bestellte das gesamte Drahtrahmenmaterial und organisierte mit einem LKW- Fahrer aus Ortahisar den Transport ins 1000 km entfernte Kappadokien.

In Izmir war bereits Frühsommer und es tat gut, ein paar Tage an der Küste zu verbringen, um den Ärger in unserem Weinberg zu überwinden.

Nach 4 Tagen fuhr ich ganz zufrieden zurück und es erfreute mich zusätzlich, dass während meiner Abwesenheit der Frühling endlich auch in Zentralanatolien Einzug gehalten hatte.

Im Weinberg begannen die Reben mit unglaublicher Geschwindigkeit zu wachsen, auch die herbizidgeschädigten Pflanzen schienen sich zu erholen.

10 Tage später wurde das Material aus Izmir angeliefert, genau 3 Tage bevor Ines nach Kappadokien kommen wollte.

Überraschenderweise war es nun angenehm warm und doch gab es den einen oder anderen Regenschauer.

Wir hatten optimale Wachstumsbedingungen für die Reben und der Boden war schön feucht, so dass die Eisenpfähle ohne allzu grosse Anstrengung 90 cm tief ins Erdreich gerammt werden konnten.

In nur einer Woche war der Drahtrahmen perfekt aufgestellt.

Begeistert waren wir von der Arbeit eines Bauern aus Ortahisar, der mit seinem Pferd unsere Syrahparzelle pflügte. Pferd bringts!

Oktober 2010

Weinmacher sind seltsame Leute. Da haben sie genaue Vorstellungen, wie ein Wein aus einer bestimmten Region, einer bestimmten Traubensorte und sogar – wenn es ganz arg wird – eines bestimmten Terroirs idealerweise zu sein hätte – und sind dann nach einem ersten zaghaften Schluck zumeist ein wenig verwundert, manches Mal gar enttäuscht, aber ganz sicher nie vollauf zufrieden, mit dem, was da durch den Gaumen an den Geschmackspapillen vorbei geleitet wird.

Am schlimmsten ist es, wenn es um das eigene Produkt geht. Dann wird es zur Kraftprobe, den Wein doch noch
irgendwie ganz ok zu finden.

Unser erster Rotwein hätte komplex und elegant, tanninreich und knochentrocken, verschlossen und langsamreifend und ganz bestimmt nicht auf Anhieb allen gefallend sein sollen.
So haben wir uns das ausgemalt, bevor die ersten Trauben vergoren waren, und herausgekommen ist – wir reiben uns die Augen! – ein wuchtiger Wein mit südlich weichen Tanninen, konzentriert wegen des überreifen Leseguts, fast schwarz in der Farbe, mit 14 Volumenprozent Alkohol. Und ganz übel: allen Leuten, die ihn bis anhin direkt ab Barrique probieren konnten, schmeckt er auch noch ganz vorzüglich...
Aber so ist das, und der Wein ist ja auch noch nicht fertig: muss noch ein Weilchen im Fass harren und dann noch auf der Flasche reifen. Und während er das tut, ist endlich auch einmal Gelegenheit, von anderen Begebenheiten unseres Lebens in Zentralanatolien zu berichten...

Ortahisar, das Dorf, in dem wir leben und arbeiten, kann, obwohl Teil des UNESCO Welterbes, nicht als besonders malerisch beschrieben werden. Dominiert wird die Ansiedlung von einem grossen Aussenquartiergürtel aus ausgewählt geschmacksfreien Architekturscheusslichkeiten, wo sich ein Grossteil der Dorfbewohner aber wohl zu fühlen scheint. Das Dorfzentrum mit dem markanten Burgfelsen und seinem halben Dutzend Teehäusern ist gewerblich dominiert. Neben Schneiderateliers, Berbersalons, Lebensmittelgeschäften und einer kleinen, aber feinen Metzgerei dominieren an der einzigen Hauptstrasse vor allem die Büros der Besitzer von lokalen Zitronendepots, wo zu jeder Tageszeit emsiger Müssiggang zu beobachten ist.
In der Hauptsaison fahren Dutzende von prallgefüllten Bussen durchs Zentrum, die nur kurz bei der Burg anhalten, damit die Touristen ein Bild knipsen und sich verwundert fragen können, ob das wohl schon die ganze Sehenswürdigkeit des Dorfes war.

Der alte historische Teil mit den typischen Höhlenhäusern ist zu einem guten Teil unbewohnt, und die Bauten zerfallen, weil sie schon vor 30 Jahren zwangsgeräumt worden sind, da sie unterhalb der nur auf eigenes Risiko zu besteigenden, einsturzgefährdeten Burg liegen.
Wir leben am Gegenhang, gut geschützt vor allfälligem Steinschlag, mit phantastischer Aussicht auf die Burg. Nur wer den Mut hat, diese zu besteigen, wäre, wenn er das denn wollen würde, in der Lage, einen Blick auf unsere Terrasse zu erhaschen.

In unserem Dorf leben viele liebenswerte und merkwürdige Leute, über die es sich lohnt, in loser Folge zu berichten:

Eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Dorflebens ist der Metzger Ahmet. Sein Laden ist so klein, dass mancher Unkundige auf der Suche nach Fleisch ihn leicht verfehlen kann. Auf einem kleinen, ins Schaufenster geklebten Kartonschild steht „kanaat kasabi“, was übersetzt bedeutet „der ehrenwerte, ehrliche Metzger“. Eine durch und durch zutreffende Bezeichnung.

Neu und ganz der Moderne folgend, hat sich Ahmet auch ein kleines, wendbares „acik“/„kapali“ offen/ geschlossen) -
Schild angeschafft. Das ist auch nötig, seit er sich so grosszügig bereit erklärt hat, im Herbst, während der Öffnungszeiten seines Ladens, mit dem Viehtransporter unsere Trauben vom Weingarten zum Keller zu fahren und ganz besonders seit er auch noch ein kleines Gourmetlokal eröffnet hat, welches aber nur nach Vorreservation für kleine Gruppen seine Pforten öffnet.

Allzuviel Gewicht darf man dem neuen Schild allerdings nicht beimessen, da unser Metzger eigentlich immer vergisst, es auf die gerade angebrachte Seite zu drehen. Sollte er mal nicht im Laden sein, lohnt sich ein Blick auf die andere Strassenseite zum Berber (ja, die Barbiere heissen hier so). Vielleicht sitzt er ja gerade bei seiner täglichen Rasur.
Ahmet ist ein richtiger Feinschmecker, man sollte sich hüten für einen Fleischkauf weniger als eine Stunde Zeit
einzuplanen. Erstens schneidet er das gewünschte Stück immer direkt von der im Kühler aufgehängten Tierhälfte und zweitens liebt er es – bei einem Tee oder zwei – über die Zubereitung zu reden.

Bei Innereien wird er ganz leidenschaftlich: ob Milz, Hirn, Hoden oder Kokorec (kross gebratene Gedärme), immer fallen ihm noch raffiniertere Rezepte ein.
Neben dem Fleisch ist Wein sein zweites Steckenpferd und so gehen uns die Gesprächsthemen nie aus.

Nach soviel vertrödelter Zeit beim Fleischkauf ist dann doch mal wieder ein kritischer Blick auf unseren Wein angesagt: Nein, der ist immer noch nicht reif. Er braucht halt seine Zeit, und so kanns gut sein, dass wir bei einem der nächsten Newsletter weitere liebenswürdige Leute aus Ortahisar zu beschreiben versuchen.

Mai 2012

Da sitzen wir nun – die zweite Stunde im eindrucksvollen Büro des Bürgermeisters von Ortahisar ist angebrochen, die Blasen nach den nicht mehr gezählten Begrüssungstees prallvoll – und sind hoffnungsvoll erstaunt, wie leicht doch alles zu funktionieren scheint.

Natürlich wissen wir, dass sein Okay bloss ein erster Schritt wäre, auf unserem kafkaesken Weg durch die türkische Bürokratie. Immer mit dem Ziel vor Augen, endlich die Genehmigung zur Weinproduktion in unserem Höhlenhaus zu bekommen. Nach dem Bürgermeister müssen uns nämlich noch die Beamten in der Bezirkshauptstadt Nevsehir und nicht zuletzt die zentrale Alkoholbehörde in Ankara ihre Zustimmung geben. Aber: Ein erster Schritt ist ein erster Schritt!

Bis jetzt hat uns ja ein uraltes Gesetz aus osmanischer Zeit, welches jeder Privatperson erlaubt, 300 Liter Wein für den Eigengebrauch zu produzieren – und welches durchaus ein wenig gedehnt ausgelegt werden kann – mehr schlecht als recht über die Runden geholfen. Aber das geht nicht mehr lange gut, denn schliesslich prosperieren unsere Weinberge, und wir müssen schon langsam ganz legal Wein in der Türkei verkaufen dürfen.

Der Bürgermeister jedenfalls, bei dem man wegen seines Glasauges nie ganz sicher sein kann, an wen er sich in seinem Redeschwall gerade wendet, scheint unserem Projekt mehr als wohl gesonnen zu sein. Wir würden damit ja auch den Tourismus fördern helfen und könnten mit unserem Wissen dem geplanten Weinmuseum in Ortahisar beratend zur Seite stehen.

Eine winzig kleine Hürde gäbe es allerdings noch, bevor er seine Unterschrift unter unser Gesuch setzen könne: Der Direktor der Behörde, welche uns die Renovationsgenehmigung für unser historisches Haus gegeben hat, müsse mit einem Dokument bestätigen, dass alle Umbauarbeiten abgeschlossen seien.

Hmmmh..., wie könnte das jetzt wohl gemeint sein?

Die Grundrenovationen sind tatsächlich fast abgeschlossen. Weitere Schritte, etwa das Plätteln des künftigen Weinkellers, hängen jedoch direkt vom Entscheid ab, ob wir an diesem Ort auch wirklich Wein machen dürfen.

Doch wir grübeln nicht lange und suchen unverdrossen die nächste Station auf: die Renovationsbehörde. In – für türkische Verhältnisse – unglaublich kurzer Zeit können wir den Chefbeamten dazu bringen, unser Haus höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Und tatsächlich: Er würde uns die Unterschrift geben – aber nur, wenn wir am Haus nicht weiter renovieren würden!

Unweigerlich müssen wir an den gordischen Knoten denken. Dieser wurde tatsächlich in Phrygien, einer Gegend nicht weit östlich von Kappadokien geknüpft. Alexander der Grosse soll diesen Knoten einfach mit seinem Schwert durchschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben...

Tja, da stehen wir nun mal wieder etwas ratlos, aber fröhlich und gesund und nichtsdestotrotz mit einem Hauch von Optimismus. Wie kommt man denn auch auf die absonderliche Idee, in Anatolien Wein machen zu wollen?

Auch der türkische Ministerpräsident hat im letzen Jahr in einer Rede verkündet, er könne nicht verstehen, warum die Leute Wein trinken wollen, wo doch Traubensaft ein so wunderbares Getränk sei. Aber vielleicht war das ja nur seine Privatmeinung...

Er kann ja nicht ahnen, wie gut sich unser abgefüllter 2009er Rotwein aus kappadokischen Landen entwickelt, der im Keller unserer Schweizer Wohnung lagert.

Übrigens: Wer Lust hat unseren 2009er zu probieren, einfach eine E-Mail schreiben – ganz günstig ist der Wein allerdings nicht.

Cheers!